Stolpersteine

Am 3. Februar und am 12. März 2014 hat der Künstler Gunter Demnig die ersten Stolpersteine in Baesweiler verlegt. Seit 1992 widmet er sich dem Stolpersteinprojekt und erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir einlässt. Einzelschicksale sollen die Stolpersteine deutlich machen. Baesweiler ist die 916. Kommune in Deutschland, die Gunter Demnig besucht, und auch in vielen Ländern Europas gibt es mittlerweile Stolpersteine. Jedes Opfer erhält seinen eigenen Stein, der neben dem Namen auch das Geburtsjahr, das Deportationsjahr sowie Angaben zum Schicksal trägt. Die Stolpersteine werden durch Patenschaften finanziert. Jeder kann eine Patenschaft für die Herstellung und Verlegung eines Stolpersteins übernehmen.

44 Juden wohnten in Baesweiler, das haben die beiden Geschichtsvereine in aufwendiger und akribischer Archivarbeit recherchiert. Einige sind geflohen bzw. ausgewandert, 4 starben eines natürlichen Todes im Heimatort bzw. im Exil, mindestens 25 wurden ermordet und einige Schicksale sind unbekannt. An jede und jeden von ihnen wird demnächst ein Stolperstein erinnern.

„Hier wohnte David Randerath, JG 1877, deportiert 1943, ermordet im besetzten Polen“ steht auf dem ersten Stein, der in Baesweiler verlegt wurde. Von Beruf Viehhändler und Metzger führte David Randerath mit seiner dritten Frau Josefine, geb. Coopmann, geb. am 12.08.1878, in der Bahnhofstraße 13 einen Metzgereibetrieb, den er schon vor der Regierungsübernahme der Nationalsozialisten 1932 an seinen nicht jüdischen Schwiegersohn Arnold Bock verpachtete. Im Frühjahr 1941 wurden David und Josefine Randerath in das sogenannte Judenhaus in Setterich, Haus Elkan, eingewiesen. Von dort aus sind sie vermutlich zunächst in das Judenlager nach Eschweiler-Stich gebracht und 1943 nach Polen deportiert worden. David Randerath ist für tot erklärt worden, Josefine Randerath gilt als verschollen.

Zur Erinnerung an Familie Elkan und Herrn Sally Kahn wurden in Setterich, Hauptstraße 9, fünf weitere Stolpersteine verlegt. Der aus Niedermerz gebürtige Josef Elkan, geb. am 11.08.1887, war mit Henriette, geb. Gottschalk, geb. am 22.06.1892, verheiratet. Sie hatten zwei Söhne, Ernst, geb. 11.04.1922, und Walter, geb. 24.07.1924. Josef Elkan war Metzger und besaß dort auch ein Schlachthaus. Nebenher betrieb er eine kleinere Landwirtschaft, in der später sein ältester Sohn Ernst mitarbeitete. Josef Elkan war wohlhabend und unterstütze viele Bedürftige des Ortes. Er erfuhr wegen seiner Bescheidenheit und seiner sozialen Einstellung eine hohe Wertschätzung. Als Folge der Einrichtung von sogenannten Judenhäusern wurden im Frühjahr 1941 viele Juden aus Setterich und Umgebung im Haus Elkan zusammengezogen. Ca. 35 Personen befanden sich zwischenzeitlich dort. Anfang 1942 wurde Familie Elkan nach Lodz in Polen deportiert, seitdem gelten sie als verschollen und wurden vermutlich ermordet. Sally Kahn, geb. am 23.02.1914 in Niederzissen, hat als landwirtschaftlicher Gehilfe im Hause Elkan gewohnt. Er wurde am 10. November 1938 in das Konzentrationslager Sachsenhausen überführt und ist vermutlich um 1940 in die Schweiz geflohen. Er hat den Holocaust überlebt.

Am 12. März 2014 wurden in Baesweiler, Breite Straße 17, drei Stolpersteine für Herschel, Rosa und Simon Falke verlegt. Bürgermeister Dr. Linkens freute sich besonders, Frau Shlomith Zylberberg, Frau Li Heymann und Herrn Elisha Gill begrüßen zu können, Nichte, Großnichte und Neffe von Rosa Falke, die extra aus Israel nach Baesweiler gekommen sind, um an der Verlegung der Stolpersteine für ihre Angehörigen teilzunehmen.

Herschel Falke, geb. am 26.01.1900, und seine Frau Rosa, geb. Grill, geb. am 28.11.1903, betrieben ab etwa 1927 in der Breite Straße ein Textilgeschäft, bei dem die Kunden die Möglichkeit hatten, Waren auf Kredit zu kaufen, im damaligen Sprachgebrauch ein Abzahlungsgeschäft. Gleichzeitig war Herschel Falke als Reisender in der Textilbranche tätig. Die Eheleute Falke hatten einen Sohn, Simon, geb. am 09.04.1929. Das Geschäft von Familie Falke ging zunächst sehr gut, wurde jedoch durch die politischen Verhältnisse nach dem 30. Januar 1933 mehr und mehr eingeschränkt. Im Juli 1938 wurde zudem die reisende Handelstätigkeit für Juden gesperrt, was die Situation der Falkes erschwerte. Nur wenige Monate später folgte die Reichspogromnacht, die neben einem weiteren sozialen Abstieg der Familie für Herschel Falke fatale Konsequenzen haben sollte. Er gehörte zu den ca. 30.000 männlichen Juden, die verhaftet und anschließend in ein Konzentrationslager verschleppt wurden. Herschel Falke wurde zunächst nach Buchenwald überführt und musste seit 1939 in einem unbekannten weiteren Lager Zwangsarbeit leisten. Herschel Falke gilt als verschollen. Rosa Falke war seit 1939 nicht mehr gewerblich tätig und musste den Lebensunterhalt für sich und ihren Sohn von den Ersparnissen bestreiten. Im Frühjahr 1941 kam es zu einer weiteren entwürdigenden Maßnahme. Rosa Falke musste mit ihrem Sohn ihre Wohnung in der Breite Straße verlassen und in die Sammelunterkunft für Juden im Haus Elkan in Setterich umziehen. Zu Beginn des Jahres 1942 wurden die im Judenhaus eingepferchten Menschen deportiert, auch Rosa und Simon Falke. Rosa Falke wurde nach Polen deportiert, das Deportationsziel von Simon Falke ist unbekannt. Beide gelten als verschollen.

Am 20. Dezember 2016 wurden erstmalig Stolpersteine für Menschen verlegt, die der Ermordung durch das Nazi-Regime dank weiser Voraussicht oder günstiger Umstände entkommen sind. Die öffentliche Erinnerung an das Leid, das den jüdischen Bürgerinnen und Bürgern auch in Baesweiler angetan wurde, bekommt damit ein umfassenderes, ein vollständigeres Bild. Alle Verfolgten des Nazi-Terrors eint eines: Sie waren ohne irgendeinen Zweifel unschuldige Opfer einer unmenschlichen Ideologie. Kinder, Frauen und Männer, Arme und Reiche, Gläubige und Ungläubige waren Ziel des blinden Hasses. Die Nazis beraubten sie erst ihrer bürgerlichen Existenz und menschlichen Würde, später dann auch ihres Lebens. Nur wenigen gelang es, dem sicheren Tod durch frühzeitige Emigration zu entrinnen. Kaum jemandem war es vergönnt, von den alliierten Befreiern aus Lagern gerettet zu werden.

„Oft spricht man in diesem Zusammenhang von der „geglückten Flucht“ oder der „glücklichen Befreiung“. Aber ist es richtig, in diesem Kontext das „Glück“ zu bemühen? Laufen wir nicht Gefahr, das Leid, die Qualen und die Entbehrungen der Exilanten und Befreiten – wenn auch unbewusst und ungewollt – damit zu relativieren? „Glück“ suggeriert uns, dass die Schicksale der Davongekommenen weniger schlimm waren. Die Überlebenden haben ihr nacktes Leben retten können, aber dennoch Tag für Tag gelitten. Auch sie waren alle gleichermaßen Opfer; ohne Unterschied und ohne Glück“, sagte Bürgermeister Dr. Willi Linkens bei der Verlegung. Deswegen sei es nur recht und billig, dass man auch jenen Beachtung schenke, die sich vor dem sicheren Tod durch Flucht oder Befreiung in Sicherheit bringen konnten, fuhr er fort.

Richard und Sibille Levy flohen 1936 mit ihren Töchtern Röschen und Hilde nach Palästina. Richard Levy, geb. 19.10.1894 in Carolinensiel, hatte 5 Brüder. Er lebte mit seinen Eltern Moritz und Röschen Levy auf Wangerooge. Die Eltern gingen bereits 1934 nach Palästina. Fünf ihrer Söhne mit ihren Familien folgten ihnen, darunter Richard Levi. Nur Erwin und seine Familie flohen nach Eygelshoven in Holland, wo sie 1943 durch die Nazis festgenommen, deportiert und in Auschwitz und in Sobibor umgebracht wurden.

Richard Levy und seine Brüder Dagobert und Erwin hatten nach dem 1. Weltkrieg die Herzen der Schwestern Sibille, geb. 31.05.1895, Mina und Selma Simon aus Setterich gewonnen und feierten am 23. Februar 1920 in Setterich eine äußerst seltene Dreier-Hochzeit. Richard und Sibille Levy lebten nach ihrer Hochzeit zunächst in Ostfriesland, Tochter Rosalie „Röschen“ wurde am 21.1.1921, Tochter Hilde am 4.3.1924 in Carolinensiel geboren. Im Januar 1926 zog die Familie von Wangerooge nach Baesweiler, wo bereits Erwin und Dagobert Levy als Handelsleute tätig waren. Noch im gleichen Monat meldet Richard sein Motorrad bei der Polizeiverwaltung in Baesweiler an.

1927 wird Richard im Adressbuch Baesweiler mit einer Fleischerei Breite Straße 15, heute 27, geführt. Im gleichen Jahr wird die Verkaufsstelle in das von ihm erbaute Wohn- und Geschäftshaus in der Breite Straße 50, heute 74, verlegt. Dort wurde der Bau einer großen Schlachtanlage im Hofraum begonnen und schon 1928 in Betrieb genommen. Der Betrieb entwickelte sich zu einer der größten Schlachtereien am Ort. Aus den statistischen Angaben über die Schlachtungen in Baesweiler ergibt sich, dass Richard Levy von 1928 bis Mai 1933 unter den 6 Schlachtereien fast immer die meisten Schlachtungen durchführte.

1932 berichtet Bürgermeister Hahn an den Landrat, dass die Schaufensterscheibe des Fleischerladens Richard Levy von der SA eingeschlagen wurde. 1932 beteiligt sich Richard Levy an der Winterspende für Bedürftige mit 20 Pfund Rindfleisch und 15 Pfund Wurst. Im Mai 1933 dürfen Jüdische Geschäfte keine „Reichsverbilligungsmarken“ von Bedürftigen annehmen, diese können damit z.B. Fette billiger einkaufen. Richard Levy muss ein Schild im Fleischerladen aushängen, dass er keine Marken annimmt. Im August hebt der Kreisleiter der NSDAP, Hägele, das örtliche Verbot wieder auf. Im Mai 1933 wird Richard Levy nicht mehr in der Handwerkerliste der Innung aufgeführt. Im Januar 1934 fehlt Schlachtermeister Richard Levy erneut in der Liste für zugelassene Geschäfte, die Verbilligungsmarken annehmen dürfen.

Im November 1934 kann das von Reichspräsident Hindenburg gestiftete Ehrenkreuz für Frontkämpfer im 1. Weltkrieg beantragt werden. Dagobert (MarinestammNr. 33/14) und Richard Levy (KriegsstammNr. 3890/18) beantragen mit Belegen diese Kriegsauszeichnung. Die Akten verzeichnen allerdings keine Verleihung.

Im Juni 1935 berichtete der Baesweiler Bürgermeister dem Landrat, dass es Gewaltakte der SA gegen jüdische Geschäfte gab. Er forderte die „Unterbindung der unangebrachten Juden-bekämpfung.“

Im September 1935 verkauft Richard Levy für 20.156 Reichsmark Haus und Grundstück. Im Wiedergutmachungsverfahren von 1948 heißt es dazu: „Er hat freiwillig und ohne jede Beeinflussung verkauft und deshalb keine Ansprüche mehr.“

Am 30. April 1936 registriert das Einwohnermeldeamt, dass Familie Levy nach Jerusalem verzogen ist. Richard Levi war in den fünfziger Jahren gemeinsam mit seinem Bruder Dagobert noch einige Male in Baesweiler, um ihre Wiedergutmachungsangelegenheiten zu verfolgen. Dabei wurden auch wieder Kontakte zu einigen Baesweiler Familien gepflegt.

An diesen Orten liegen Stolpersteine in Baesweiler:

Bahnhofstraße 13
David Randerath
Josefine Randerath

Hauptstraße 9
Josef Elkan
Henriette Elkan
Ernst Elkan
Walter Elkan
Sally Kahn

Breite Straße 17
Herschel Falke
Rosa Falke
Simon Falke

Breite Straße 74
Richard Levy
Sibille Levy
Röschen Levy
Hilde Levy